Corona

„Es ist viel neues Vertrauen entstanden“

Wie sich die Corona-Krise auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Handelsbranche ausgewirkt hat und warum individuelle Maßnahmen so wichtig sind, erläutert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth im Interview.

Porträtfoto HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth (Quelle: HDE/Hoffotografen)

Was kennzeichnet eine familien- und lebensphasenbewusste Unternehmenskultur im Einzelhandel?

Kennzeichnend sind hierfür alle Angebote, die flexible Arbeit ermöglichen. Im Einzelhandel können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aufgrund der Ladenöffnungszeiten sowie der typischen Stoßzeiten attraktive Teilzeitmodelle anbieten. Die Teilzeitquote in der Branche ist daher mit rund 60 Prozent der mehr als drei Millionen Beschäftigten auch traditionell hoch. Immer wichtiger ist auch mobile Arbeit. Modelle zur Führung in Teilzeit und zum schnellen Wiedereinstieg nach einer längeren Erwerbspause sind charakteristisch. Bedeutend sind zudem Offenheit und Vertrauen. Am Ende kommt es immer auf passgenaue individuelle Lösungen an.

Wie wichtig ist diese für die Gewinnung von Personal?

Sehr wichtig. Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist heutzutage ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil für Unternehmen im Kampf um Fachkräfte und wird auch oft gezielt von Bewerberinnen und Bewerbern angefragt. Bedeutung hat das Thema übrigens nicht nur bei der Personalgewinnung, genauso relevant ist es heute auch für die langfristige Personalbindung.

Wie hat die Corona-Krise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für den Einzelhandel verändert? Vor welchen Problemen standen die Mitgliedsunternehmen des HDE in Zeiten von geschlossenen Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen hinsichtlich der Vereinbarkeit?

Die Handelsunternehmen haben immer da, wo es sinnvoll ist, mit ihren Beschäftigten bereits   Homeoffice vereinbart. Das hat in der Praxis bislang sehr gut und unkompliziert funktioniert. Und das im Übrigen ganz ohne Rechtsanspruch. Durch die Corona-Krise ist so viel neues Vertrauen entstanden. Aber natürlich eignet sich Homeoffice im Einzelhandel längst nicht für alle Tätigkeiten. Insbesondere für die Mitarbeitenden in den Filialen lässt sich das kaum organisieren. Im Bereich der Verwaltungstätigkeiten etwa konnte ins Homeoffice gewechselt werden. Aber auch in den Filialen muss man unterscheiden: Im Non-Food-Bereich gab es anfangs einen Lockdown, so dass viele der Beschäftigten in Kurzarbeit zu Hause bleiben mussten. Im Lebensmitteleinzelhandel, der ja nicht von den Schließungen betroffen war, haben die Händler versucht, wenn nötig, direkt mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine flexible Lösung zu finden.

Welche besonderen Herausforderungen im Umgang mit der Pandemie und Vereinbarkeit sehen Sie im Weihnachtsgeschäft?

Diese Zeit ist für den Einzelhandel von großer Bedeutung. 2020 ist in vielerlei Hinsicht besonders. So haben wir etwa in den Innenstädten aktuell leider wieder einen starken Frequenzrückgang bei den Kundeninnen und Kunden. Viele Händler haben bereits mit verkürzten Öffnungszeiten reagiert – das ist für die Branche sehr problematisch. Besondere Herausforderungen bei der Vereinbarkeit sehe ich im diesjährigen Weihnachtsgeschäft aber eher nicht.

Gibt es neue Modelle, Impulse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch von Beruf und Pflege, die durch die Corona-Krise im Einzelhandel entstanden sind?

Ja, ich denke schon. Die Nutzung von Homeoffice habe ich ja bereits angesprochen. Aber am wichtigsten ist eigentlich das zusätzliche Vertrauen und Verständnis, das in vielen Arbeitsbeziehungen in dieser schwierigen Zeit entstanden ist. Dieses starke Fundament wird dazu beitragen, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf perspektivisch weiter zu optimieren.

Welche Bedeutung für die betriebliche Vereinbarkeitspolitik messen Sie den Führungskräften zu?

Führungskräften kommt eine Schlüsselrolle zu. Sie bestimmen das Arbeitsklima vor Ort. Besonders wichtig ist hier die Kommunikation. Führungskräfte müssen offen für individuelle Lösungen sein. Wenn die Vorgesetzten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbst leben, kann das natürlich von Vorteil sein. Wir haben im Einzelhandel übrigens auch sehr viele Frauen in Führungspositionen. Die Branche liegt hier über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.

Vor welchen Herausforderungen stehen gerade kleine Einzelhändler, wenn die Ansprüche der Bewerberinnen und Bewerber bzw. der Nachwuchskräfte an Vereinbarkeit wachsen? Was raten Sie denen?

Rund zwei Drittel der Beschäftigten im Einzelhandel sind Frauen. Auch für die vielen kleinen Unternehmen im Handel ist das Thema „Vereinbarkeit“ daher natürlich nicht neu. Flexible Teilzeitmodelle sind auch hier eher die Regel als die Ausnahme. Einen Vorteil sehe ich in der sehr persönlichen Atmosphäre. Flexible Lösungen werden dort oft besonders unbürokratisch und häufig direkt mit der Inhaberin oder dem Inhaber vereinbart.

Wird sich das Thema Vereinbarkeit perspektivisch im Einzelhandel weiterentwickeln?

Ich denke, die Branche bewegt sich hier insgesamt bereits auf sehr hohem Niveau. Das Thema „Vereinbarkeit“ wird perspektivisch aber sicher über alle Branchen hinweg weiter an Bedeutung gewinnen, da der demografische Wandel ja strukturell bedingt ist. Hinzu kommt ein Anstieg an Pflegefällen aufgrund der alternden Gesellschaft. Neben der Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung wird damit die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf noch stärker in den Fokus rücken.

Schlagworte: Handelsbranche
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