PraxisbeispieleCorona

Die Rolle von Betriebsräten in der Corona-Krise

Didier Krause, Betriebsratsvorsitzender beim Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim in Ingelheim am Rhein, über seine Erfahrungen der letzten Monate.

Didier Krause, Betriebsratsvorsitzender bei Boehringer Ingelheim

Didier Krause, Betriebsratsvorsitzender bei Boehringer Ingelheim. Quelle: Boehringer Ingelheim.

Wie haben sich die Wünsche und Bedürfnisse der Belegschaft hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewandelt?

Die Bedürfnisse der Belegschaft verändern sich dahingehend, dass ein großes Maß an Vielfalt und Flexibilität gefordert und auch flächendeckend gelebt wird. Das gab es in vielen Abteilungen auch schon vor der Pandemie, es hat sich jetzt aber natürlich nochmal verstärkt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen sind auch jetzt auf stabile Möglichkeiten der Betreuung während der Arbeitszeit angewiesen. Sehr begrüßt haben die Mitarbeitenden, dass im Gegenzug auch das Unternehmen sehr entgegenkommend war bei Engpässen in der Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen.

Welche konkreten Herausforderungen meistern die Betriebsräte beziehungsweise Vertrauensleute in dieser Zeit?

Wir haben natürlich ein großes Interesse daran, dass zum einen die Produktion ungehindert weiterlaufen kann und somit die Arzneimittelversorgung der Patientinnen und Patienten gesichert ist. Aber auch die Sicherheit unserer Kolleginnen und Kollegen ist uns sehr wichtig und dass sie auch in dieser schwierigen Zeit Beruf- und Privatleben vereinbaren können. Wir haben deshalb zusammen mit dem Arbeitgeber Ende März eine Konzernbetriebsvereinbarung (KBV) Notfallplan abgeschlossen. Die KBV regelt folgende Themen:

  • Sicherheits- und Hygieneanweisungen
  • Freistellungen und Auswirkungen auf Vergütung und Arbeitszeitkonten
  • Klarstellungen zum Thema Arbeitsunfähigkeit
  • Freistellungen infolge von Kita-/Schulschließungen und bei Pflege von Angehörigen
  • Personalplanung und Arbeitsorganisation, wie beispielsweise die Übernahme von Tätigkeiten, Regelungen zur Arbeitszeit, Anzeige- und Offenbarungspflichten, Dienstreisen und Veranstaltungen sowie Zutrittsbeschränkungen.

Wie haben Sie persönlich in Ihrer Position als Betriebsrat die Corona-Krise erlebt?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass Boehringer Ingelheim großzügige Lösungen für die Mitarbeitenden im Lock-Down getroffen hat. Das ist nicht selbstverständlich, und wir sind dem Arbeitgeber dafür sehr dankbar. Nichtsdestotrotz mussten und müssen ad hoc Regelungen getroffen werden, die unmittelbare Auswirkungen auf die Belegschaft haben. Da ist es dann gut, dass wir involviert sind. In dieser sehr ungewöhnlichen und nie dagewesenen Situation hat sich sehr klar gezeigt, wie wichtig nach wie vor die Mitbestimmung im Allgemeinen und der Betriebsrat im Besonderen sind.

Wie veränderte sich der Austausch mit der Unternehmensführung und einzelnen Managementbereichen zum Thema Vereinbarkeit aus Sicht des Betriebsrats?

Es wird in der Krisensituation zwangsläufig schneller entschieden. Das stellt dann auch die Herausforderung dar: Schnell zu handeln und trotzdem für die Beschäftigten ein optimales und sinnvolles Ergebnis zu erzielen.

Wie gut war die familienbewusste Personalpolitik im Unternehmen auf die jetzige Situation vorbereitet (flexible Arbeitszeiten, Homeoffice etc.)?

Da wir schon seit Jahren in vielen Bereichen flexible Arbeitszeiten und Homeoffice haben, waren wir gut darauf vorbereitet. Online-Tools wie Skype und MS Teams gehörten auch vorher schon für viele Kolleginnen und Kollegen zum Alltag. Es ist aber trotzdem bemerkenswert, dass alles reibungslos funktioniert. Da gilt mein Dank auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der IT-Abteilung, die zu Spitzenzeiten das Arbeiten im Homeoffice für weltweit täglich 40.000 Beschäftigte ermöglicht haben. Für Schichtmitarbeiterinnen und Schichtarbeiter war die Situation natürlich schwieriger, aber auch hier wurden Lösungen gefunden.

Gibt es aus der Corona-Zeit neu entdeckte oder eingeführte Maßnahmen, die nach der Krise beibehalten werden?

Die Selbstverständlichkeit des Arbeitens im Homeoffice ist neu, und es wäre wünschenswert, wenn diese Flexibilität zugunsten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beibehalten beziehungsweise noch weiter ausgebaut wird. Allerdings auf freiwilliger Basis: Wer besser im Büro arbeiten kann, soll dies auch zukünftig können.

Wie nehmen Sie die Nutzung von angebotenen Maßnahmen durch die Beschäftigten wahr? Können alle Beschäftigten die Maßnahmen nutzen (Männer und Frauen), gibt es gegebenenfalls auch Hemmnisse zum Beispiel durch negative Konsequenzen?

Wir sind eine sehr heterogene Belegschaft: Die Schichtmitarbeiterinnen und Schichtarbeiter haben andere Bedürfnisse als die Büromitarbeiterinnen und Büromitarbeiter. Grundsätzlich ist aber von Beginn an seitens der Firmenleitung klargemacht worden: Das ist eine noch nie dagewesene Situation, und hier wird jetzt niemand im Regen stehen gelassen und auch nicht kleinlich jede Minute im Homeoffice kontrolliert. Diese Botschaft des Eigentümers hat viel Sicherheit gegeben. Existenzängste unter den Kolleginnen und Kollegen wären das größte Hemmnis gewesen. Ob es Unterschiede in der Nutzung zwischen Männern und Frauen gibt, kann ich nicht beurteilen. Das ist vermutlich von Familie zu Familie verschieden.

Wie wird sich das Thema Vereinbarkeit perspektivisch im gewerkschaftlichen Kontext weiterentwickeln?

Vereinbarkeit ist für Beschäftigte in allen Lebenslagen wichtig und damit auch Thema für tarifliche Vereinbarungen. Da auch die Betreuung von Kindern und zu pflegenden Angehörigen eine immer größere Rolle spielen wird, wird auch dies vermutlich einen größeren Raum in Tarifverträgen einnehmen.

 

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