Corona

Auswirkungen von Corona auf die Vereinbarkeit von Familie und Schichtarbeit

In den kommenden Monaten wird weiterhin viel Flexibilität in der Arbeitswelt gefordert sein. Die Planung, wie viele Leute wann und wo gebraucht werden, wird erschwert, weil sich die Parameter während der Pandemie so schnell ändern können. Das Homeoffice hat zuletzt viel Aufmerksamkeit bekommen, ist jedoch nur für einen Teil der arbeitenden Bevölkerung möglich. Zeit für einen Blick auf Schichtarbeit und Vereinbarkeit im Zeichen von Corona.

Mitarbeiter aus der Paketdienstbranche. Quelle: Unsplash/Maarten van den Heuvel

Ob in der Pflege, der Reinigungsbranche, bei der Polizei oder im Paketdienst – das Arbeiten zu ungewöhnlichen Arbeitszeiten ist für die Beschäftigten in diesen Bereichen die Regel.  Knapp 14 Prozent der erwerbstätigen Frauen und rund 17 Prozent der erwerbstätigen Männer1 arbeiten abends, nachts oder auch in wechselnden Rhythmen. Vereinbarkeitsgerechte und gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen sind daher gerade in Schichtberufen von hoher Bedeutung für Beschäftigte und Unternehmen.
 
Dass vereinbarkeitsorientierte Schichtarbeit grundsätzlich machbar ist, zum Beispiel durch eine langfristige Dienstplanung oder Möglichkeit der Beschäftigten, eigenständig Schichten untereinander tauschen zu können, zeigen verschiedene Ratgeber für gute Schichtmodelle und Schichtpläne, beispielsweise die Handlungshilfe für Betriebe von der Initiative Neue Qualität der Arbeit2, auf der Seite der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sowie beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Ein Leitfaden für familienbewusste Schichtarbeit, Praxisbeispiele und Checklisten findet sich auch unter www.erfolgsfaktor-familie.de.

Pandemiebedingte Veränderungen im Schichtbetrieb mit Einfluss auf die Vereinbarkeit

Die Corona-Pandemie hat zu vier unterschiedlichen Veränderungsszenarien geführt, die alle einen erheblichen Einfluss auf auch bislang gut ausgeklügelte Arbeitszeitregelungen haben. Die Veränderungsszenarien sind hier als Stereotypen beschrieben, die natürlich auch in Mischtypen auftreten können:

  1. Viel mehr zu tun (z.B. Zustelldienste)
  2. Weniger zu tun (z.B. Flughäfen)
  3. Gleichviel zu tun, weniger Personalressourcen (z.B. durch Quarantäne, Beschäftigte aus Risikogruppen oder zusätzlichen Arbeitsausfälle wegen Überbelastung)
  4. Anlassbezogene Schichtarbeit

Besonders das vierte Szenario ist eine Herausforderung, da aus Gründen des Infektionsschutzes und der Risikominimierung vermehrt auch bisherige „Nichtschicht-Betriebe“ wie zum Beispiel Banken oder Apotheken eine Einteilung der Arbeitszeiten in „neue“ Zeitblöcke“ vornehmen. Dabei sollte jedoch die Einteilung der Schichten nicht die ohnehin höheren Belastungen wegen zusätzlicher Betreuungs- und Vereinbarkeitsprobleme noch verschärfen.

Grundlegend für eine gute Vereinbarkeit ist bei allen diesen Veränderungen, dass die bekannten und bewährten Arbeitszeit- und damit auch Vereinbarkeitsmodelle angepasst werden müssen – in Bezug auf Länge und Lage, aber vor allem auch auf die Planbarkeit und Verlässlichkeit. Vorläufe von mehreren Monaten in der Schichtplanung sind zurzeit oft nicht einhaltbar.

Wichtige, aktuelle Fragestellungen für eine familienbewusste Schichtgestaltung

Die Bedürfnisse der Teammitglieder sind so unterschiedlich wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst. Manche haben kleine Kinder und sind alleinerziehend, andere haben pflegebedürftige Angehörige zu Hause, wieder andere teilen sich Erziehung- oder Pflegeaufgaben mit anderen, die selbst mit engen Zeitvorgaben im Job umgehen müssen.

Wie eine möglichst optimale, alle Interessen berücksichtigende Ausgestaltung der Schichtpläne im einzelnen Unternehmen aussehen kann, muss individuell erarbeitet werden. Hilfreiche Fragestellungen dazu sind im Rahmen des Projektes „Gute Schichtarbeit in gesunden Organisationen“ entwickelt worden.3 Vor allem die Beantwortung der vier folgenden Fragen kann die Vereinbarkeit maßgeblich stärken:

  • Was sind in Ihrem Betrieb die zurzeit wichtigsten Herausforderungen in Bezug auf die Schichtarbeit beziehungsweise die Umstellung auf Schichtarbeit?
  • Wie können geeignete Maßnahmen für Ihren Betrieb abgeleitet werden und welche Schritte sind dabei zu beachten?
  • Welcher Nutzen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird für die Beschäftigten und das Unternehmen angestrebt?
  • Welche innovativen Ideen oder Ansätze könnten auf eine gute Resonanz stoßen?

Ein Rat ist aber für alle zielführend: Die Betroffenen sollten beteiligt werden. Sie kennen ihre Bedürfnisse am besten und wissen auch, worauf es im Betrieb ankommt. Sinnvoll ist außerdem, den Beschäftigten möglichst viel Autonomie zu geben, so weit wie möglich auf Freiwilligkeit zu setzen und Tauschmöglichkeiten anzubieten.

Praktische Beispiele

  • McDonald's und Aldi haben das schon früh in der Krise vorgemacht: Die Restaurant-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter konnten nicht mehr arbeiten, aber die Supermärkte brauchten dringend Leute. Im Rahmen einer befristeten Personalpartnerschaft werden McDonald's-Mitarbeiter, die von einem eingeschränkten Restaurantbetrieb in ihrer Filiale betroffen sind, nach Bedarf an Aldi-Filialen vermittelt und können dort in der Logistik oder im Verkauf aushelfen. Wenn sich die Lage entspannt hat, kehren sie zu McDonald's zurück.4
  • Stahlunternehmen haben eine langjährige Erfahrung in der Schichtarbeit. Sie zeigen, wie Betriebszeiten in Kombination mit neuen Gleitzeitregelungen vereinbarkeitsförderlich erweitert werden können, indem das mögliche Arbeitszeitfenster für alle Beschäftigten, unabhängig davon, ob sie in der Produktion oder in der Verwaltung arbeiten, ausgeweitet wird. Zum einen sind dadurch weniger Beschäftigte gleichzeitig anwesend, und zum anderen können sich Beschäftigte mit Kindern oder Pflegeverantwortung die Arbeitszeiten passender einteilen.
  • Betriebsräte arbeiten aktiv an der kreativen Ideenfindung mit. Beispielsweise regen sie dazu an, die Verteilung von Eltern in den verschiedenen Schichten so zu organisieren, dass sie sich gegenseitig bei der Betreuung der Kinder helfen können.   
  • Das vorbereitende Seminar für Auszubildende im Unternehmen ArcelorMittal Bremen5 ist ein Vorbild, um Beschäftigte nicht unvorbereitet in den Schichtdienst zu schicken. So könnten auch Beschäftigte, die zuvor noch keine Schichterfahrungen gemacht haben, unterstützt werden, um ihre Fragen zur Vereinbarkeit mit einem Gesundheits- und Arbeitszeitexperten zu klären.

Der Text ist Teil einer Serie von Beiträgen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zeiten von Corona für Unternehmen und Branchen thematisiert, die nicht auf bekannte Instrumente wie Homeoffice zurückgreifen können. Weitere Beiträge finden Sie unter dem Schlagwort „Schichtarbeit“.

Das Unternehmensnetzwerk Erfolgsfaktor Familie hat mehrere Online-Seminare zum Thema Schichtarbeit durchgeführt, die Sie hier finden können:

 

Quellennachweise:

1 Statista 2020

2 inqa.de/SharedDocs/downloads/webshop/schichtarbeit-gut-gestalten

3 Institut für Sozialforschung, 2019: Schichtarbeit gut gestalten. Handlungshilfe für Praktikerinnen und Praktiker im Betrieb, Seite 11

4  www.nordbayern.de/wirtschaft/personal-verleihen-mcdonalds-und-aldi-machen-es-vor-1.9971991

5  www.facebook.com/arcelormittalbremen/photos/gut-vorbereitet-in-die-schichtarbeiteinen-ganzen-tag-lang-werden-unsere-zuk%C3%BCnfti/511761382255580/

 

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